Sonntag 38/1984 16.09.1984 (Wochenzeitung des Kulturbundes)

Dean Reed, USA

Fortschritt und Solidarität

Während ich hier sitze, um über die DDR auf dem Wege in ihr 35. Jahr nachzudenken, fällt mir auf, daß ich selbst gerade 35 Jahre alt war, als ich mich vor zehn Jahren entschieden hatte, die DDR zu meiner zweiten Heimat zu machen. Ich kam mit großen Hoffnungen und auch mit Träumen von einer perfekten Gesellschaft.

Während der Jahre, da ich in Südamerika gelebt und gearbeitet habe, von 1961 bis 1966, habe ich mich selbst als einen Revolutionär mit einem Anliegen bezeichnet, allerdings ohne Theorie oder Philosophie. Nach meiner ersten Reise in die Sowjetunion 1965 begann ich, soviel wie möglich über den Marxismus-Leninismus zu lesen. Und das war, als ob ein Wanderer in der Wüste schließlich eine Oase findet. Während der letzten zehn Jahre hier in der DDR habe ich zwar manches von meiner Naivität verloren, aber ich glaube, ich bin durch die täglichen Erfahrungen des lebenden Sozialismus ein bißchen mehr Marxist geworden, und das nicht nur in der Theorie, wie einem das in der westlichen Welt widerfahren könnte.

Was sind schon 35 Jahre in der Geschichte der Menschheit. Und dennoch hat sich in meinem Leben und Denken nach meinem 35. Geburtstag sehr viel verändert. Und diese Veränderungen wirken fort, sie finden auch in den Gedanken und den Taten der DDR-Bevölkerung und ihrer Regierung statt.

Meine Freunde aus den USA, die mich hier besuchen, können sich den Fortschritt nicht vorstellen nach den Zerstörungen durch den Faschismus. Und ihr habt das ohne Marshallplan gemacht und aus zerstörten Gebäuden und gebrochenen Menschen eine moderne Gesellschaft aufgebaut. Und ihr habt euch die Zeit und Energie genommen, gegenüber Völkern in aller Welt Solidarität zu üben, die auch in der einen oder anderen Weise für ihre nationale Unabhängigkeit und eine gerechte Gesellschaft kämpfen. Ob Bangladesh, Kuba, Chile oder Libanon, ich habe die DDR-Solidarität in diesen Ländern kennengelernt, dafür bewundere ich euch schon sehr lange.

Ich habe viel von euch gelernt, zum Beispiel, daß es eine Sache ist, eine Revolution zu machen, aber sehr viel schwerer dann, den Sozialismus Tag für Tag zu bewahren. Das anstrengende Bemühen der täglichen Suche nach der Wahrheit zu verteidigen, ist keine leichte Aufgabe. Aber eine große ist es allemal: Es gibt keine menschliche Alternative zum Sozialismus, so daß wir alle Teilnehmer eines großen geschichtlichen Abenteuers sind! Ihr baut eine bessere und gerechte Gesellschaft. Es ist keine perfekte, es ist eine bessere, denn sie bewegt sich in die richtige Richtung, weil ihr ein gerechtes und humanes Ziel habt. Und nach meiner Meinung ist das die einzige Gesellschaftsordnung, die wirklich einen realen und dauerhaften Weltfrieden auf unserem Planeten bewirken kann. Ich wünsche Euch Mut, Kraft und Ehrlichkeit auf diesem Weg und danke für die Freundschaft und das Wissen, das ich mit euch teilen darf.


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Letzte Änderung: 2003-02-15