ND 12./13.05.1984

Der Sänger Dean Reed in Nikaragua:

Mit Liedern der Solidarität am Lagerfeuer von Jalapa

Von Dieter Wolf

"Bitte, wo ist die Stadt, wo ist Managua?" fragte Dean Reed beim Anflug auf Managua, und er wiederholte seine Frage im Auto, als man schon die Stadtgrenze erreicht hat. "Es war ein Schock", berichtet er später, "als man mir sagte, wir wären schon da. Hatte ich doch total vergessen, daß 1972 ein Erdbeben Managua verwüstete."

Immer noch verblüfft, zu den nikaraguanischen Begleitern: "Warum hat man die Stadt denn nicht wieder aufgebaut?" Dean Reed erinnert daran, daß damals vor über zehn Jahren in vielen Ländern der Welt, besonders auch in Nordamerika, Geld für den Wiederaufbau gespendet wurde.

Die Antwort, meint Dean Reed, hätte er sich eigentlich auch selber geben können, denn die Geschichte sei geradezu typisch für die Regimezeit. Diktator Somoza und sein Clan, die dieses prächtige Stück Mittelamerika vor der sandinistischen Revolution wie ihre persönliche Ranch verwalteten, hatten ohne Scham alles Geld, welches die internationale Solidarität für ein neues Managua erbrachte, in die eigene Tasche gesteckt. "Es war wohl der größte Coup dieser Schmarotzer", sagt Dean Reed. Und deswegen gäbe es die Stadt Managua eigentlich gar nicht mehr, abgesehen von jenen Bauten, die die junge sandinistische Regierung errichten ließ, obwohl sie fast jeden Centavo für die Abwehr der Konterrevolution benötigt.

Rhythmus im Grenzgebiet: Arbeit, Wache und Kampf

Das waren die ersten Eindrücke, die Dean Reed, engagierter Sänger, Filmschauspieler und Regisseur, in Managua sammelte. Er nahm als Mitglied des Weltfriedensrates an einem internationalen Gewerkschaftskongreß teil, und anschließend reiste er in das Land, hinauf in den Norden, unmittelbar an die Grenze zu Honduras, nach Jalapa. Hier, sagt er, sind alle Nikaraguaner bewaffnet, da sie ständig auf Einfälle konterrevolutionärer Banden aus dem nur wenige Kilometer entfernten Honduras gefaßt sein müssen. "Das Leben der Einwohner vollzieht sich im Rhythmus von Arbeit, Wache und Kampf. Damit jene nicht durchkommen, die Somoza bis zuletzt die Stange hielten und nun mit Feuer und Schwert die alten Zustände wieder herstellen wollen."

In Jalapa hat Dean Reed eines Nachts seine Gitarre ausgepackt und am Lagerfeuer für die sandinistischen Kämpfer gesungen. "Es waren alles einfache Menschen, viele Frauen, junge und ältere Bauern, mit wettergegerbten Gesichtern, und Jugendliche, oft fast noch Kinder. Wohlangemerkt, keine regulären Soldaten, Miliz, freiwillig zu den Waffen geeilte Menschen." Im Licht der Scheinwerfer von vier aufgefahrenen Jeeps sang Dean Reed Melodien der Freiheit und Solidarität. Lieder des freien Amerikas, geboren im Kampf gegen Pinochet in Chile, gegen die Diktatur in Uruguay, gegen die Kriege des Imperialismus überall auf dem Subkontinent...

Dean Reed weiß, wovon er singt. Fünfmal bereits ist er von der Reaktion auf dem amerikanischen Kontinent in den Kerker geworfen worden. Erst Anfang dieses Jahres hat er großartigen Mut bewiesen, als er nach Chile ging, um vor Kupferbergarbeitern hoch in den Anden gegen die Diktatur das Venceremos-Lied zu singen.

"Weißt du", sagt Dean Reed, "in Jalapa, am Lagerfeuer, war noch etwas, was ich auf keinen Fall verschweigen möchte. Es war ein kleiner Junge dabei, ich glaube, er war nicht mehr als 14 Jahre alt, und er saß da mit der Maschinenpistole im Schoß, und ich ging zu ihm und fragte, indem ich auf seine Waffe zeigte: 'Kannst du sie auch benutzen?'

Der Junge sagte stolz: 'Sí, Señor.'

Daraufhin zeigte ich meine Gitarre. 'Und damit kannst du auch umgehen?' Ich glaubte, er würde nein sagen, doch der Junge antwortete mit gleicher Gelassenheit, als wäre es die natürlichste Sache der Welt: 'Sí, Señor.'

Er nahm die Gitarre und gab mir seine Waffe, damit ich sie halte, während er spielte. Und wie er gespielt hat, phantastisch, exzellent. Es war ein so gutes Lied, vom Kampf seines Volkes gegen die Contras. Das war so schön, das war wirklich ergreifend."

Ich frage Dean Reed, Augenzeuge des schweren Kampfes eines kleinen tapferen Volkes, wie er die Lage in Nikaragua gegenwärtig einschätzt.

Er selbst könne natürlich kein umfassendes Urteil abgeben, entgegnet er. Doch Daniel Ortega, der Regierungskoordinator, mit dem er gesprochen habe, machte eindringlich auf den Ernst der Lage aufmerksam. Die Konterrevolution werfe nahezu 11.000 Mann in den Kampf, die mit modernen Waffen ausgerüstet sind. Die Söldner, die direkt vom USA-Geheimdienst geführt werden, erhalten aus der Luft ausreichend Nachschub. Durch die massive Unterstützung von seiten der USA sei es den Contras gelungen, zeitlich Brückenköpfe in schwer zugänglichen Gebieten zu bilden.

Jedoch sei klar, daß ihnen überall härtester Volkswiderstand entgegengebracht werde. Dieses stolze und opferbereite Volk, das sich nicht dem imperialistischen Diktat beugen werde, benötige deswegen dringender als je zuvor die internationale Solidarität, deren Hauptziel die Unterbindung des nichterklärten Krieges der USA gegen Nikaragua sein müsse.

Maifeier der Hoffnung in Chinandega

Als Staatsbürger der Vereinigten Staaten hat er es als seine Ehrenpflicht angesehen, erklärt Dean Reed, vor der Botschaft seines Landes in Managua im Namen des anderen Amerikas gegen den schmutzigen Krieg der Reagan-Administration zu protestieren. Hier sang er sein neugeschaffenes Nikaragua-Lied.

In dem Lied, das an den USA-Präsidenten adressiert ist, heißt es: "Sie haben eine Armee, die Unschuldige umbringt, die Menschen in Ketten schlägt. Sie haben Augen, aber Sie können die Wirklichkeit nicht sehen. Wenn Sie einen Nikaraguaner töten lassen, werden vier neue seinen Platz einnehmen, wenn sie vier töten, werden 100 mehr für den Sieg kämpfen." Wie die Zeitung "Barricada" dieser Tage berichtet, wird das Lied schon vielerorts im Lande gesungen...

Höhepunkt des Aufenthalts in Nikaragua war für Dean Reed schließlich seine Teilnahme an der zentralen Maifeier in Chinandega, auf der er zahlreiche seiner Lieder sang. "Als die Feier abgebrochen werden mußte, weil feindliche Flugzeuge am Himmel auftauchten, zogen wir - ungeachet der Gefahr - danach durch die Stadt", sagt Dean Reed. "Es war eine Mai-Demonstration, die große Hoffnung vermittelte."

In jenen Tagen hat der Sänger mit der Gitarre in der Hand in diesem Teil Mittelamerikas auf seine Weise eine Botschaft der Solidarität vermittelt. Er sang in Krankenhäusern vor Verwundeten und medizinischem Personal und in einem Instandsetzungswerk für von Contra-Banditen zerstörte Fahrzeuge. Das Wort, das dabei immer wieder fiel, hieß "No pasaran". Und dieses sei auch die Botschaft, die er aus Nikaragua weitergeben möchte: Die Feinde dieses stolzen Volkes dürfen nicht durchkommen!


Die Dean-Reed-Website: www.DeanReed.de


Dean Reed
www.AndreaWitte.de
andrea@andreawitte.de
Letzte Änderung: 2003-02-15